Betriebliche Altersversorgung:

Großer Informationsmangel besonders in kleineren und mittleren Betrieben verursacht finanziellen Schäden in Milliardenhöhe

 

15.03.2018 | Aon Hewitt Studie zeigt großes Potenzial für Betriebsrenten

Die Bedeutung von Betriebsrenten ist auch bei Klein- und Mittelbetrieben wesentlich größer als es oft den Anschein hat. Das hat jetzt eine repräsentative Studie des Beratungsunternehmens Aon Hewitt ergeben, die wir hier für Sie veröffentlichen.

Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber schätzen die betriebliche Altersversorgung als Sozialleistung. Bei beiden Gruppen stimmte die Hälfte der Befragten einem solchen Statement zu. Hingegen sind diejenigen, die lieber stattdessen mehr Lohn/Gehalt hätten (19,1 %) bzw. als Arbeitgeber alles bar auszahlen würden (3,8 %) ganz klar in der Minderheit.

Mangelnde Information verhindert offensichtlich, dass das Potenzial der Betriebsrenten ausgeschöpft wird. So hat rund zwei Drittel der Arbeitnehmer noch nichts vom Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) gehört, das Anfang 2018 in Kraft getreten ist. Dabei fallen die Unterschiede zwischen kleineren Betrieben mit weniger als 250 Beschäftigten (69,9 %) und Großbetrieben (65,7 %) kaum ins Gewicht. Lediglich die Mitarbeiter bei Banken, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistern sind von Berufswegen besser informiert. Aber auch in dieser Branche haben 40 % der Mitarbeiter noch nichts von dem neuen Gesetz gehört.

Unabhängig vom neuen BRSG gibt es bei Arbeitnehmern vor allem in kleineren Unternehmen extrem große Wissenslücken, was die betriebliche Altersversorgung betrifft. Rund die Hälfte der Mitarbeiter in Betrieben mit bis zu 250 Mitarbeitern (48,9 %) weiß nichts davon, dass für sie bereits seit langem ein Anspruch auf betriebliche Altersversorgung besteht. Auch bei vielen Arbeitgebern in kleineren Unternehmen herrscht hier Unkenntnis. Fast ein Drittel (29,2 %) der Manager weiß nicht, dass sie ihren Mitarbeitern eine Entgeltumwandlung anbieten müssen.

Gleichwohl ist die Bereitschaft der Arbeitgeber vorhanden, sich in dieser Hinsicht zu engagieren. Nur bei den Kleinstbetrieben mit bis zu zehn Mitarbeitern gibt es mit etwas mehr als einem Viertel (26,1 %) noch eine nennenswerte Zahl von „Totalverweigerern“. Deren Anteil schrumpft bei den Unternehmen zwischen 51 und 250 Mitarbeitern auf kaum noch nennenswerte 4,3 %.

„Die Informationsdefizite behindern ganz entscheidend die Entwicklung der betrieblichen Altersversorgung. Unsere Studie zeigt klar, dass es sowohl bei Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern eine große Bereitschaft besteht, in die betriebliche Altersversorgung zu investieren. Der größte Nachholbedarf besteht hier sicher bei den Kleinbetrieben, aber auch im Mittelstand ist noch Einiges zu tun,“ kommentiert Aon Hewitt Geschäftsführer Fred Marchlaewski die Ergebnisse der Studie.

 

Unkenntnis, mangelnde Information sorgen nicht für finanzielle Verluste sondern schaffen in den Betrieben große Haftungsrisiken von denen niemand etwas ahnt. Ein Beitrag zu diesem Thema:

Fehlerfreie Entgeltumwandlung muss man mit der Lupe suchen

Massive Mängel in Verträgen zur betrieblichen Altersversorgung stellte Karsten Rehfeldt, Geschäftsführer der bbvs GmbH, in kleinen und mittleren Unternehmen fest. Er schildert im Gespräch das Ausmaß und die Folgen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Eine Rentenberatungsgesellschaft, die sich vor allem mit der betrieblichen Altersversorgung befasst, hat aktuell mehr als 1.000 bestehende Verträge der betrieblichen Altersversorgung in den versicherungsförmigen Durchführungswegen Direktversicherung und Pensionskasse geprüft. Das Ergebnis war erschreckend. Nachstehen einige Auszüge aus dem Auswertungsinterview:

„Eine völlig fehlerfreie Entgeltumwandlung in kleinen und mittleren Unternehmen muss man mit der Lupe suchen.“

 

Das ist ein hartes Urteil:

„Das wir nach unseren Erfahrungen in 50 Unternehmen und mit mehr als 1.000 bAV-Verträgen aber mit gutem Gewissen fällen. Unsere Auswertungen mögen nicht repräsentativ im Sinne einer statistischen Erhebung sein, aber sie liefern ein wichtiges Indiz für den Zustand vieler Verträge aus früheren Jahren“.

 

Nennen Sie mal einige der häufigsten Fehlerquellen:

„In neun von zehn Fällen, die wir untersucht haben, war die Entgeltumwandlungsvereinbarung entweder fehlerhaft oder gar nicht vorhanden. Diese Vereinbarung regelt aber den rechtswirksamen Verzicht des Arbeitnehmers auf einen Teil seiner Vergütung. Fehlt sie, fehlt die arbeitsrechtliche Grundlage für die abgeschlossene Versicherung. Damit bleiben die Art der Zusage und die Unverfallbarkeit von ergänzenden Arbeitgeberbeiträgen im Dunklen. Diese Angaben sind aber wichtig. Zum Beispiel beim Ausscheiden des Arbeitnehmers aus dem Betrieb und für die Besteuerung.“

„Im schlimmsten Fall müssen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nachgezahlt werden.

 

Ein Beispiel zu den Unterlagen einer Entgeltumwandlung:

„Bei 60 Prozent fehlten Vertragsdokumente, also der Versicherungsantrag oder die Police. Ohne Versicherungsschein lässt sich aber die zugesagte Leistung des Arbeitgebers nicht bestimmen. Der Abzug der Beiträge als Betriebsausgaben ist gefährdet. Im schlimmsten Fall müssen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nachgezahlt werden. Außerdem erfüllt der Arbeitgeber die Aufzeichnungs- und Mitteilungspflichten nicht, die er im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung hat“.

 

Arbeitet ein Versicherungsvermittler im Auftrag des Arbeitgebers bei der Einrichtung einer betrieblichen Altersversorgung, so hat dieser auch Dokumentationspflichten. Sieht es damit besser aus?

„Mitnichten. Da haben wir einen nahezu flächendeckenden Ausfall beobachtet. In 95 Prozent der untersuchten Fälle fehlte die Beratungsdokumentation. Das wird dann auch für den Arbeitgeber zum Problem. Der Vermittler ist sein Erfüllungsgehilfe. Fehlt die Dokumentation, kann der Arbeitgeber nicht nachweisen, dass er seine Aufklärungs- und Informationspflichten vollständig erfüllt hat. Bei späteren Auseinandersetzungen vor Gericht fällt das ins Gewicht. Die Richter haben in den zurückliegenden Jahren bei ihren Entscheidungen immer wieder die Erfüllung dieser Pflichten eingefordert.“

„Viele Unternehmen sitzen, ohne es zu wissen, auf einer Zeitbombe.“

 

Was steht noch auf der Mängelliste?

„Bei der Hälfte der Verträge war der Ablauf der Versicherung nicht mit dem tatsächlichen Rentenalter synchronisiert. Bei einem Viertel wichen Daten im Antrag, in der Entgeltumwandlungsvereinbarung und in der Police voneinander ab. Falsche Überschusssysteme in der Anwartschafts- und Rentenphase, falsche Buchung der betrieblichen Altersversorgung auf der Gehaltsabrechnung und die fehlerhafte Behandlung von eingeschlossenen Zusatzversicherungen sind weitere Fehler, die wir immer wieder gefunden haben.“

 

Für wen sind die Fehler folgenschwerer, für die Arbeitgeber oder die Arbeitnehmer?

„Viele Unternehmen sitzen, ohne es zu wissen, auf einer Zeitbombe, die zu erheblichen Haftungsansprüchen der Arbeitnehmer sowie finanziell belastenden Nachzahlungen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen führen kann. Da in den Klein- und Mittelbetrieben Personengesellschaften oder inhabergeführte Kapitalgesellschaften überwiegen, besitzen diese Haftungsrisiken häufig auch ein persönlich existenzielles Ausmaß. Darüber hinaus kann je nach Fehler auch der Arbeitnehmer Einbußen erleiden, zum Beispiel wenn die Unverfallbarkeit von Arbeitgeberbeiträgen nicht geregelt ist.“

 

Wegen der Veränderungen, die das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz ab 2018 bringt, ist vor allem von neuen Verträgen die Rede, weniger von den schon vorhandenen.

„Genau das halten wir für falsch. Die alte bAV-Welt bleibt doch bestehen und mit ihr die massiven Mängel in kleinen und mittleren Unternehmen. Die Neuerungen sollten daher zugleich als Impuls für eine gründliche Revision der bAV-Bestände genutzt werden.“

 

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